RUMPELKAMMER Nº002: Charli xcx – True Romance

Ein Debüt für die Geschichtsbücher. Der Anfang einer Diva. Charli xcx und das Tumblr-Album True Romance.

Charli xcx – True Romance
Charli xcx — Foto: Dan Curwin

Gemeint sind die Geschichtsbücher, die irgendwann in etlichen queeren Bibliotheken stehen werden. Ob ihr es hören wollt oder nicht: Es gab in den vergangenen Jahren wohl kaum eine Popkünstlerin, die die Underground-Clubszene, insbesondere im LGBTQ+-Bereich, so geprägt, verändert und unterstützt hat wie Charlotte Emma Aitchison, aka Charli xcx, aka It’s Charli, baby, aka Erfinderin des Brat Girl Summers.

Doch vor Brat, vor den legendären Kollaborationen mit dem PC-Music-Umfeld, vor „Boom Clap“, A.G. Cook, SOPHIE und dem angeblichen Zank mit Taylor Swift, Rina Sawayama oder Marina (damals noch mit Diamonds im Anhang) gab es ein Mädchen mit schwarzer Mähne, Plateauschuhen und einer Tumblr-Seite.

2013 veröffentlichte Charli xcx ihr Debütalbum True Romance. Ein kommerzieller Durchbruch war es nicht: In Großbritannien stieg es auf Platz 85 ein und verschwand nach einer Woche wieder aus den Top 100. Heute wirkt diese Zahl fast wie ein Fehler in der Matrix.

Ich ahnte damals nicht, dass Popmusik nach diesem Album nie wieder dieselbe sein würde.

DÜSTERER SYNTHPOP UND BLOGHOUSE-NACHWEHEN

Streng genommen war True Romance schon bei Erscheinen eine Art Bestandsaufnahme. „Stay Away“ und „Nuclear Seasons“ waren bereits 2011 erschienen, weitere Stücke hatten sich über EPs und Mixtapes ihren Weg ins Internet gebahnt. Teile des Albums schrieb Charli mit 16. Später erzählte sie, dass sie unbedingt eine Popplatte machen wollte, aber Angst hatte, dabei nicht „cool“ genug zu wirken.

Vielleicht hört man deshalb auf True Romance eine Künstlerin, die sich noch nicht entschieden hat, in welche Schublade sie gehört. Oder vielmehr: die sich weigert, überhaupt eine davon zu benutzen.

Eine entscheidende Figur war dabei Ariel Rechtshaid. Charli traf den Produzenten 2010 in Los Angeles, nachdem frühere Sessions mit anderen Produzenten wenig gebracht hatten. Schon beim ersten Treffen entstand in nur zwei Stunden „Stay Away“, ein Moment, den sie später als den Punkt beschrieb, an dem die Dinge endlich zusammenkamen. Neben Rechtshaid arbeitete unter anderem Paul White am Album, und die Musik bedient sich ziemlich schamlos überall dort, wo etwas Interessantes herumliegt: „You (Ha Ha Ha)“ baut auf einem Sample von Gold Pandas „You“ auf, „So Far Away“ bedient sich bei Todd Rundgren.

Das Ergebnis klingt nach Synthpop, Dark Pop, Bloghouse-Nachwehen, Hip-Hop, R&B und einer ziemlich romantisierten Vorstellung der Achtziger, die vermutlich mehr mit Tumblr als mit den tatsächlichen Achtzigern zu tun hat.

TANZEN UND HEULEN

Die eigentliche Stärke von True Romance liegt für mich bis heute in seinen Widersprüchen.

Die Songs klingen riesig und zugleich erstaunlich zerbrechlich. Charlis Stimme liegt teilweise fast verloren unter Synthesizern, Samples, Hall und Backgroundgesang. In „Stay Away“, „Grins“ oder „Lock You Up“ schweben Stimmen durch die Produktion, mal himmlisch, mal hexenhaft, manchmal regelrecht hypnotisierend. Darunter knallen Drums und Bässe, als gehörten sie eigentlich auf eine ganz andere Platte.

Glücklich und traurig zugleich: Das ist kein Zufall. Charli beschrieb True Romance selbst als eine Art Tagebuch und wünschte sich, dass Menschen dazu gleichzeitig tanzen und weinen können.

Kaum eine Charli-Platte fließt für mich so selbstverständlich von Anfang bis Ende. Das Album hat einen so eigenen Klang, dass „You (Ha Ha Ha)“, „Set Me Free (Feel My Pain)“, „Grins“ und „Lock You Up“ eindeutig aus derselben Welt stammen, ohne deshalb derselbe Song zu sein.

Meine Favoriten wechseln bis heute. An manchen Tagen ist es „Set Me Free“, an anderen „You (Ha Ha Ha)“, dessen Instrumental mich immer noch auf eine Art emotional macht, die ich nicht erklären kann. Es ist nicht traurig, es löst einfach etwas aus. Es ist dieses seltsame Gefühl, das Musik irgendwann bekommt, wenn man sie lange genug mit sich herumgetragen hat.

DAS INTERNET WAR NOCH EIN ORT

Vielleicht lässt sich True Romance ohnehin nicht von Tumblr trennen. Nicht nur wegen der Ästhetik, sondern weil Musik im Internet damals anders funktionierte. Songs, Bilder, GIFs, Mode und ganze Persönlichkeiten verschwammen zu einem endlosen Feed aus Dingen, über die man zufällig stolperte und die man anschließend zu einem Teil der eigenen Identität erklärte.

Charli passte perfekt dort hinein. Sie sah nicht aus wie die sauber polierte Popkarriere, die man von MTV und aus der Bravo kannte, wollte aber ausdrücklich Popstar sein. Sie stand mit einem Bein im Mainstream und mit dem anderen irgendwo in einem dunklen Club.

MEIN TUMBLR-ALBUM

2013 war ich selbst noch dabei herauszufinden, wer ich sein wollte. Ich ging viel feiern, entdeckte neue Musik, und natürlich liefen dabei Songs von True Romance.

Vielleicht kann ich das Album deshalb nicht neutral hören. Wenn „You (Ha Ha Ha)“ läuft, höre ich nicht nur einen Song aus dem Jahr 2013, sondern eine bestimmte Version von mir selbst. Es war eine Zeit, in der sich Musik ständig wie eine Entdeckung anfühlte und ein einziger Song reichte, um wissen zu wollen, was es jenseits des Bekannten noch gab.

True Romance war für mich deshalb nie einfach nur ein gutes Debütalbum. Es war eine Tür. Und als ich sie geöffnet hatte, gab es kein Halten mehr: Lady Gagas ARTPOP. Später PC Music. GFOTY. Hannah Diamond. SOPHIE. A.G. Cook. Aus zunächst ziemlich unterschiedlichen Fäden wurden Verbindungen. Charli arbeitete immer enger mit A.G. Cook zusammen, und die experimentelle Popwelt, die einen großen Teil meines Musikgeschmacks prägen sollte, rückte näher an den Mainstream. Jahre später standen Welten, die damals noch weit voneinander entfernt wirkten, plötzlich auf denselben Credits.

THE START OF A DIVA

Besonders faszinierend ist das Album heute, weil wir wissen, was danach passiert ist.

True Romance enthält noch nicht den futuristischen, teils dekonstruierten Pop, mit dem Charli später verbunden werden sollte. Es gibt keine SOPHIE-Produktion, keinen A.G. Cook als langjährigen Creative Partner und keine Pop 2-Featureliste, auf der gefühlt die halbe queere Popwelt vertreten ist. Aber die Grundidee ist schon da.

Charli interessiert sich für Pop, ohne besonders viel Respekt vor dessen Grenzen zu haben. Sie schreibt einen eingängigen Refrain und wählt dazu eine Produktion, die ein bisschen zu laut, zu düster oder zu seltsam dafür ist. Sie versteht, dass Mainstream und Underground keine Gegensätze sein müssen, und zwar erstaunlich früh: Pop wird interessanter, wenn man Menschen und Sounds zusammenbringt, die eigentlich nicht nebeneinanderstehen sollten.

Insofern deutet True Romance weniger den Sound ihrer späteren Karriere an als ihre Haltung. Denn die eigentliche Geschichte von Charli xcx ist für mich nicht, dass aus einer unbekannten Tumblr-Künstlerin irgendwann ein riesiger Popstar wurde. Interessanter ist, wie oft sie dazwischen ihre Position verändert hat: mal näher am Mainstream, mal weit davon entfernt, manchmal beides gleichzeitig.

2013 war davon noch nichts entschieden. True Romance erreichte Platz 85 und verschwand wieder aus den britischen Albumcharts.

WAS BLEIBT?

Dreizehn Jahre später höre ich True Romance und stelle fest, dass ich wahrscheinlich ungeeignet bin, dieses Album fair zu beurteilen. Es ist schließlich eines der besonderen Alben meines Lebens.

Nicht, weil jeder Song perfekt wäre, und auch nicht, weil es das beste Album wäre, das Charli xcx je aufgenommen hat. Sondern weil es etwas getan hat, das viel seltener ist als ein perfektes Album: Es hat meinen Musikgeschmack verändert.

Vielleicht klingt True Romance deshalb heute gleichzeitig alt und erstaunlich lebendig. Es ist eindeutig ein Relikt seiner Zeit, aber eines, aus dem etwas Neues gewachsen ist.