HÄNGENGEBLIEBENNº001

HÄNGENGEBLIEBEN Nº001: Miley Cyrus, horsegiirL, CRAVITY, Presley Regier & Yung Lean

Fünf Songs, die diese Woche einen Grund gegeben haben, noch einmal zurückzugehen: mit Miley Cyrus & Model/Actriz, horsegiirL, CRAVITY, Presley Regier und einem wiederauferstandenen „STORM“ von Yung Lean & GENER8ION.

Miley Cyrus mit den Mitgliedern von Model/Actriz
Miley Cyrus & Model/Actriz — Foto: Mert Alas

DIESE WOCHE
AUF EINEN BLICK

  1. 01Miley Cyrus feat. Model/Actriz – „Different Religion“
  2. 02horsegiirL feat. Dylan Brady – „c*ntry girl rock“
  3. 03CRAVITY – „LOUDER“
  4. 04Presley Regier – „Bug“
  5. 05GENER8ION & Yung Lean – „STORM“

Es ist Freitag und Musikfans kennen das Problem: Man wird überschwemmt von neuer Musik. Songs, EPs, Alben und Musikvideos erscheinen gleichzeitig, und besonders schwierig wird es, wenn mehrere Acts, die man mag, am selben Tag veröffentlichen. Was hört man zuerst? Und was davon ist am Montag überhaupt noch da?

HÄNGENGEBLIEBEN ist keine Liste aller wichtigen Releases und auch kein Ranking. Eher ein Rettungsring: Jede Woche geht es um fünf Songs, für die es einen Grund gibt, noch einmal zurückzugehen. Meistens sind sie gerade erst erschienen, manchmal bekommen sie durch ein neues Video, eine Performance oder irgendetwas anderes ein zweites Leben. Genre, Herkunft und Bekanntheitsgrad spielen dabei keine große Rolle. Wer auf die Frage „Was für Musik hörst du?“ mit „Ähm, eigentlich alles“ antwortet, dürfte sich hier ziemlich schnell zu Hause fühlen.

Diese Woche führt der Weg von Miley Cyrus und Model/Actriz über ein Pferdemädchen auf dem Dancefloor und neun neu ausgerichtete K-Pop-Idols bis zu einem VMA-Auftritt, bei dem Yung Lean einen Moonman zerlegt.

01 — Miley Cyrus feat. Model/Actriz – „Different Religion“

Wer beim Namen Miley Cyrus noch immer mit den Augen rollt oder zuerst an ihre demonstrative Twerking-Einlage mit Robin Thicke bei den VMAs 2013 denkt, ist irgendwo in den vergangenen 13 Jahren stehen geblieben. Seitdem veröffentlichte sie das psychedelische und exzessive Miley Cyrus & Her Dead Petz, versuchte sich auf Younger Now an Country-Pop, holte für die Rock- und New-Wave-Verbeugung Plastic Hearts unter anderem Billy Idol und Stevie Nicks ins Studio und landete zuletzt beim opulenten Art-Pop von Something Beautiful.

Am 18. September erschien mit Bass Persuades bereits Cyrus’ zehntes Studioalbum und das nächste Häutungsmanöver. Für „Different Religion“ hat sie sich ausgerechnet die New Yorker Band Model/Actriz ins Studio geholt. Und die stehen hier nicht einfach nur dekorativ hinter einem „feat.“: Frontmann Cole Haden teilt sich die Vocals mit Cyrus, die Band schrieb am Song mit und produzierte ihn gemeinsam mit Cyrus und Kid Harpoon. Jack Wetmore spielt E-Gitarre, Aaron Shapiro Bass und Ruben Radlauer Schlagzeug und Percussion.

Das hört man. „Different Religion“ beginnt schwer und düster: Verzerrte Gitarren und industrielle Härte treffen auf elektronische Produktion. Wichtig ist dabei, dass Cyrus den Sound von Model/Actriz nicht glattbügelt, bis nur noch ein Feature für die Credits übrig bleibt. Stattdessen bewegt sie sich selbst hinein. Ihre Stimme behauptet sich gegen die raue Produktion, während der Refrain den Song plötzlich weit in Richtung Pop aufreißt. „Different Religion“ klingt deshalb weder wie Miley mit etwas Model/Actriz-Deko noch wie Model/Actriz mit einem Popstar am Mikrofon. Die Reibung zwischen beiden ist der eigentliche Reiz.

Einen neuen Anlass, zum Song zurückzukehren, lieferte diese Woche das Musikvideo. Regie führte Mert Alas, der für Bass Persuades gleich drei unterschiedliche Clips mit Cyrus entwickelte: zum Titeltrack, zu „Let’s Get Married“ und nun zu „Different Religion“.

Der filmisch anmutende Clip beginnt auf einer von Bergen gesäumten Wüstenstraße, über die ein Auto rast. Am Steuer sitzt Cyrus. Später sehen wir sie in rotes Licht getaucht im Close-up oder selbst mit der E-Gitarre in der Hand. Wenn Cole Haden und Cyrus sich am Mikrofon abwechseln, wandern ihre Stimmen im Video teilweise durch andere Körper: Models übernehmen lippensynchron ihre Parts. Alas übersetzt damit ziemlich treffend das, was den Song selbst interessant macht: zwei sehr unterschiedliche musikalische Identitäten, die für knapp vier Minuten ineinanderlaufen.

02 — horsegiirL feat. Dylan Brady – „c*ntry girl rock“

Wer noch ein Halloween-Kostüm braucht, könnte hier Inspiration finden. horsegiirL, eine anonyme deutsche DJ, Sängerin und Produzentin, ist schließlich für ihr Markenzeichen bekannt: eine braune Pferdemaske.

Das Pferdemädchen behauptet scherzhaft, eigentlich Stella Stallion zu heißen und von der fiktiven „Sunshine Farms“ zu stammen. Und dieses Pferd macht Musik, die jeden Stall zum Beben bringt. Dieses Jahr veröffentlichte horsegiirL ihr Debütalbum NATURE IS HEALING, an dem unter anderem A. G. Cook, Casey MQ, Elof Loelv, Margo XS, Nomak und Suena beteiligt waren. Es folgten Auftritte bei Coachella, Lollapalooza und Portola. 

Für ihren nächsten Ausritt hat sich die Prämienstute nun Dylan Brady an die Seite geholt, eine Hälfte von 100 gecs. Brady und horsegiirL schrieben die neue Single „c*ntry girl rock“ gemeinsam. Gleichzeitig ist sie der erste Vorgeschmack auf die am 30. Oktober erscheinende EP HARDCORE HEALING.

horsegiirL versteht die EP als Gegenstück beziehungsweise Erweiterung zu NATURE IS HEALING. Während dort Natur, Verbundenheit und Reflexion im Mittelpunkt standen, verlegt HARDCORE HEALING die Heilung auf den Dancefloor. Musikalisch blickt sie dafür auf Hardcore und Happy Hardcore sowie die europäische Ravekultur der 1990er- und frühen 2000er-Jahre zurück, inklusive Love Parade. Denn Heilung findet für horsegiirL nicht nur draußen in der Natur statt, sondern auch in einem Raum voller schwitzender Fremder. 

Und „c*ntry girl rock“ macht daraus konsequenterweise den nächsten Genreunfall. Was mit stampfendem Hardstyle und Rave-Euphorie losprescht, biegt irgendwann unvermittelt Richtung Country-Pop ab. Plötzlich treffen elektronische Eskalation und Pferdemädchen-Camp auf Gitarren und Country-Klischees, als hätten beide dort schon immer zusammengehört.

Das ist sehr horsegiirL: komplett bescheuert und gleichzeitig innerhalb ihrer Pferde- und Naturmythologie erstaunlich konsequent. Auf NATURE IS HEALING war die Natur der Heilungsort. Auf HARDCORE HEALING wird es ein verschwitzter Club.

03 — CRAVITY – „LOUDER“

Auch bei K-Pop wird gerne mal mit den Augen gerollt. Zu überproduziert, zu durchchoreografiert, zu künstlich – und selbst die Fahrt zum Flughafen wird zum öffentlichen Auftritt. Aber don’t hate the player, hate the game.

Denn dieses Game ist ziemlich gnadenlos. Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung von Kim Jeong-seop, Professor an der Sungshin Women’s University, analysierte 1.182 Idol-Gruppen, die zwischen 1996 und Ende 2025 debütierten. Das Ergebnis: Im Durchschnitt kamen jedes Jahr knapp 40 neue Gruppen hinzu, während die durchschnittliche Aktivitätsdauer gerade einmal 4,12 Jahre betrug. Nur 55,03 Prozent waren drei Jahre nach ihrem Debüt noch aktiv. Boygroups hielten mit durchschnittlich 5,11 Jahren etwas länger durch.

CRAVITY sind in dieser Welt mittlerweile fast schon alte Hasen. Die neunköpfige Boygroup debütierte 2020, mitten in der Pandemie, und entschied sich fünf Jahre später nicht etwa dafür, auf Nummer sicher zu gehen, sondern für einen Neustart. 2025 bekam der Gruppenname mit „Craving Gravity“ eine zusätzliche Bedeutung, der bisherige Leader Serim übergab seine Position an Wonjin und Hyeongjun und das zweite Album Dare to Crave sollte eine neue Phase der Gruppe einläuten. Wonjin beschrieb es damals sogar als eine Art erneutes Debüt: einen Neustart. 

Ein Jahr nach diesem angekündigten Neustart stellt sich also die Frage: Wie klingt CRAVITY jetzt eigentlich?

Eine Antwort darauf gibt es seit dem 30. September. Mit sonorous erschien eine neue EP mit sieben Songs, angeführt von „LOUDER“. Der elektronische Dance-Track ist gleichzeitig dunkel und verträumt, ohne seinen ziemlich unverschämt eingängigen Refrain zu verlieren. Interessant ist auch, dass Wonjin, Allen, Serim, Hyeongjun und Taeyoung selbst am Text beteiligt waren. Inhaltlich passt das ziemlich gut zur jüngeren Geschichte der Gruppe: „LOUDER“ handelt davon, der immer lauter werdenden eigenen Stimme zu folgen und sich von ihr verändern zu lassen.

Das passende Musikvideo erschien ebenfalls am 30. September. Eng sitzende schwarze Outfits, eine Choreografie, bei der sich ein Laie vermutlich schon beim ersten Refrain sämtliche Gelenke ruinieren würde, dramatische Sets und ein weißer Pegasus, der selbstverständlich auch noch durchs Bild fliegt. Also: K-Pop.

Aber hinter all dem maximalistischen Spektakel steckt diesmal ein ziemlich passender Gedanke. Eine Gruppe, die vor einem Jahr beschlossen hat, ihre eigene Identität noch einmal umzubauen, singt nun davon, die eigene Stimme immer lauter zu hören. Ob der große CRAVITY-Neustart tatsächlich langfristig etwas verändert, lässt sich nach einem Song kaum beantworten.

04 — Presley Regier – „Bug“

Ein neuer Indie-Bursche ist am Pophimmel. Aber vielleicht hast du Presley Regier schon gehört, ohne seinen Namen zu kennen.

Bevor Regier selbst stärker ins Rampenlicht rückte, arbeitete er bereits als Produzent und Songwriter für andere Künstler*innen. Der junge Produzent kennt Popmusik also längst von innen – nur stand bislang meistens jemand anderes vorne.

Das ändert sich gerade. Seine eigene Musik beschreibt Regier als „cinematic, nostalgic, retro“ und „synth-driven“. Sie soll sich anfühlen wie ein Coming-of-Age-Film; als lyrische Einflüsse nennt er unter anderem Cigarettes After Sex, The Smiths und Audrey Hobert. Dieses Jahr erschien bereits die gemeinsam mit Produzentin Luka Kloser entwickelte EP Sensitive to the Room. 

Ganz schön viel Musik für einen Künstler, der seinen eigenen Namen gerade erst nach vorne schiebt. Aber vielleicht kann man Regier genau dabei zuhören: Ein junger Produzent, der längst weiß, wie Musik für andere funktioniert, findet gerade heraus, wie Presley Regier selbst klingen soll.

Und bei „Bug“ versteht man ziemlich schnell, was er mit „cinematic“ meint. Die ersten Sekunden könnten direkt eine Szene aus einem Coming-of-Age-Film eröffnen: Jahrmarkt, blinkende Lichter, zwei frisch Verliebte, die gemeinsam viel zu viel Spaß haben. Darunter liegen erstaunlich einfache, aber treibende Percussions, bis der Refrain größer und emotional aufgeladener wird.

Nur erzählt Regier eigentlich gar nicht von diesem unbeschwerten Moment. Hinter der nostalgischen Euphorie steckt Ernüchterung: Er glaubte, jemanden zu kennen, und muss feststellen, dass Nähe allein nicht reicht, wenn die andere Person gar nicht von ihm gekannt werden möchte. Plötzlich sieht die imaginäre Jahrmarktszene ein bisschen anders aus.

Das Indie-Pop-Rad erfindet Regier damit nicht neu, muss er aber auch nicht. Interessanter ist, dass sich zwischen seinen vielen Veröffentlichungen langsam eine eigene Handschrift erkennen lässt: nostalgisch, unmittelbar und gerade cineastisch genug, dass im Kopf schon Bilder entstehen, bevor überhaupt ein Musikvideo nötig ist.

05 — GENER8ION & Yung Lean – „STORM“

Ja, ich weiß. Das ist kein neuer Song. Aber wir müssen trotzdem unbedingt darüber sprechen.

„STORM“ erschien bereits im April 2026 als audiovisuelle Arbeit und Doppelstück aus „STORM I“ und „STORM II“. GENER8ION ist das Projekt des französischen Produzenten Surkin; für den dazugehörigen Kurzfilm holte er sich mit Romain Gavras einen alten Bekannten ins Boot.

Gavras hat schließlich schon Musikvideos wie Justice’ „Stress“ und M.I.A.s „Bad Girls“ inszeniert und arbeitete mit GENER8ION bereits für M.I.A.s „The New International Sound (Part II)“ und das 070-Shake-Projekt „Neo Surf“ zusammen. „STORM“ steht damit ziemlich klar in einer Tradition, in der das Musikvideo nicht bloß Werbeclip zum Song, sondern eine eigenständige filmische Arbeit sein darf.

Yung Lean spielt darin einen gewalttätigen Schüler an einem britischen Jungeninternat der nahen Zukunft. Was zunächst nach Elite-Schule mit Nepo-Baby-Art-School-Vibes aussieht, eskaliert in Mobbing, Gewalt und eine Art Fight Club. Dann setzt „STORM II“ ein und plötzlich kippt alles: Die Musik wird euphorischer, aus Aggression wird Gemeinschaft und die Schüler tanzen gemeinsam auf den Stufen der Schule.

Verantwortlich für diese körperliche Eskalation ist auch Choreograf Damien Jalet. Dass die Körper in „STORM“ manchmal weniger wie eine klassische Tanzgruppe und mehr wie ein einziger zuckender Organismus wirken, kommt also nicht ganz aus dem Nichts. 

Aber wenn ihr in den vergangenen Monaten irgendwann auf Social Media unterwegs wart, ist euch der Clip vielleicht längst begegnet. Diese Woche schaffte „STORM“ schließlich den Sprung vom Handybildschirm auf eine ziemlich unerwartete Bühne.

Warum ist der Song also ausgerechnet jetzt wieder hängengeblieben?

Am 27. September brachten Yung Lean und GENER8ION „STORM“ zu den MTV VMAs. Die Performance übernahm das Internatssetting, die Schuluniformen und Teile der Gruppenchoreografie aus dem Film. Lean stand wieder inmitten einer riesigen Masse aus Schülern, nur wurde die Zigarette für das Fernsehpublikum diesmal gegen ein Eis ausgetauscht. Gleich zu Beginn schnappte er sich außerdem einen der berühmten Moon-Person-Awards und zerlegte ihn auf dem Weg zur Bühne. 

Noch kurioser war eigentlich, wo das alles stattfand. Eine Arbeit, die einige Monate zuvor noch wie ein ziemlich eigenwilliger Kurzfilm zwischen Musik, Mode, Tanz und Gewalt wirkte, landete plötzlich auf einer der größten amerikanischen Pop-Awardshows. Zwischen perfekt geplanten Auftritten globaler Popstars standen da auf einmal Yung Lean und eine Horde Internatsschüler und führten Romain Gavras’ merkwürdige kleine Welt fürs amerikanische Fernsehen auf.

Vielleicht ist genau das der beste Beweis dafür, warum „hängengeblieben“ nicht immer „diese Woche erschienen“ heißen muss. Manche Songs brauchen einfach ein paar Monate, bis die restliche Popwelt sie eingeholt hat.