Manchmal braucht es keinen besonderen Anlass, um ein Album wieder hervorzukramen. Keine Jubiläumsausgabe, keinen viralen TikTok-Sound, keine plötzlich wiederentdeckte B-Seite. Manchmal sitze ich einfach da, scrolle durch meine Mediathek und denke: Ich muss jetzt Namie Amuros _genic hören.
Das ist allerdings leichter gedacht als getan.
Seit November 2023 ist ein Großteil von Amuros Musik von Spotify, Apple Music und anderen Streamingdiensten verschwunden. Auch ihr offizieller YouTube-Kanal wurde damals unzugänglich. Japanische Medien berichteten unter Berufung auf Beteiligte von einer Überprüfung der Verträge und der Bereinigung mehrfach vorhandener Versionen; wann oder ob der Katalog vollständig zurückkehrt, blieb offen.
In solchen Momenten zahlt es sich aus, ein kleines Musikarchiv zu Hause zu haben. Gott sei Dank besitze ich die CD.
Und meine Güte: Was für ein fantastisches Electropop-Festmahl dieses Album immer noch ist.
DIE ZUKUNFT, WIE SIE 2015 KLINGEN SOLLTE
_genic erschien am 10. Juni 2015. Was damals noch niemand wissen konnte: Es sollte Namie Amuros letztes reguläres Studioalbum werden. 2017 folgte mit Finally noch eine große Karriere-Retrospektive, bevor sie am 16. September 2018, exakt ein Jahr nach dem 25. Jahrestag ihres Debüts, ihre Karriere beendete. Seitdem hat sich eine der größten Figuren des japanischen Pop tatsächlich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.
_genic klingt heute deshalb fast wie eine konservierte Zukunftsvision. Alles glänzt. Synthesizer blitzen, Beats knallen mit chirurgischer Präzision, Stimmen werden bearbeitet, zerlegt und wieder zusammengesetzt. Das Album ist clean, manchmal geradezu steril und gleichzeitig voller kleiner Ideen, die verhindern, dass diese Perfektion leblos wird. Es ist futuristisch, aber auf eine Weise, die elf Jahre später selbst schon wieder retrofuturistisch wirkt: die Zukunft, wie man sie sich Mitte der 2010er vorgestellt hat.
Und Amuro hatte für diese Zukunft ziemlich genaue Vorstellungen. Für das Album ließ ihr Team ihr mehr als 200 Demos zukommen. In einem damaligen Interview erzählte sie sogar von Tagen, an denen sie über 200 Songs hörte. Entscheidend seien häufig schon die ersten Sekunden gewesen: Sie wählte aus, was unmittelbar hängenblieb. Frühere Singles ließ sie komplett außen vor, weil sie nicht zum Konzept passten und es genügend neues Material gab, das sie aufnehmen wollte.
Schon der Titel lässt dabei absichtlich eine Lücke. Amuro erklärte damals, „genic“ könne für jemanden stehen, der in etwas besonders hervorsticht, photogenic, videogenic und so weiter. Den Unterstrich ließ sie deshalb bewusst vor dem Wort stehen: Die Hörer sollten selbst entscheiden, was für ein „-genic“ dieses Album und seine Sängerin eigentlich seien. Vielleicht „dancegenic“, vielleicht „soundgenic“.
VIER SONGS, UND ICH BIN WIEDER DRIN
Schon die ersten vier Stücke erinnern mich daran, warum ich dieses Album so mag.
„Photogenic“ ist ein fantastischer Opener: selbstbewusst, verspielt und sofort größer als der Raum, in dem er läuft. Danach legt „Time Has Come“ diesen eleganten Elektro-Glanz darüber, den die Platte so gut beherrscht. Und spätestens mit „Golden Touch“ und „Birthday“ ist klar, dass _genic bei all seinen Produktionsspielereien vor allem eines verdammt gut kann: Pop.
Es folgen immer wieder solche kleinen Läufe, in denen das Album kaum Luft holt. „Fashionista“ ist ein Knaller, „Stranger“ wirft sich mit voller Wucht auf die Tanzfläche, und „Fly“ ist mit seinen großartigen Gesangsmelodien ein kleines aufbauendes Pop-Juwel. Selbst die Momente, die normalerweise meine Geduld testen würden, funktionieren erstaunlich gut. „Anything“ ist eine Ballade, aber die rhythmischen Akustikgitarren verhindern, dass sie vollständig im Kitsch versinkt.
Nicht alles ist gleich aufregend. Einige Songs wirken heute ziemlich generisch und tragen ihr Veröffentlichungsjahr deutlich sichtbar auf der Stirn. Aber genau hier passiert etwas Interessantes: _genic ist für mich gleichzeitig aus der Zeit gefallen und erstaunlich gut gealtert. Kitschig? Ja. 2015? Und wie. Schlecht? Auf keinen Fall.
UND DANN KOMMT SOPHIE
Und dann ist da natürlich „B Who I Want 2 B“. Für mich ist dieser Song unmöglich nur als weiterer Track auf _genic zu hören, weil daran ein ziemlich großes Stück meines eigenen Musikgeschmacks hängt.
Produziert und komponiert wurde er von SOPHIE, die auch am Text beteiligt war; als zweite Stimme ist ausgerechnet Hatsune Miku zu hören. Mitchie M arbeitete an Text und Vocal-Produktion der Vocaloid-Stimme. Vor der offiziellen Enthüllung wurde Mikus Beteiligung sogar hinter dem herrlichen Anagramm „U hum sneak it“ versteckt.
Allein diese Kombination ist rückblickend absurd: eine der größten japanischen Popstars ihrer Generation, die berühmteste virtuelle Sängerin der Welt und SOPHIE zu einem Zeitpunkt, an dem deren Einfluss auf die Popmusik erst anfing, seine späteren Dimensionen anzunehmen.
„B Who I Want 2 B“ ist zuckersüß und künstlich, niedlich und merkwürdig, unmittelbar eingängig und trotzdem voller Sounds, die an den Rändern knistern und quietschen. Neben dem vergleichsweise makellosen Dance-Pop des Albums wirkt er zunächst fast wie ein Fremdkörper, bis man merkt, dass er dessen Idee eigentlich bis zum logischen Ende treibt. Für mich war das wichtig.
SOPHIE ist eine der Künstlerinnen, durch die sich mein Verständnis von Pop erweitert hat. Von dort führten Wege zu PC Music, Bubblegum Bass, Deconstructed Club, UK Bass und irgendwann zu einem Musikgeschmack, bei dem die Frage nach Genregrenzen zunehmend uninteressant wurde.
Wenn ich „B Who I Want 2 B“ heute höre, höre ich deshalb nicht nur Namie Amuro und Hatsune Miku. Ich höre auch einen kleinen Knotenpunkt meiner eigenen Musikbiografie. Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich _genic immer wieder aus der Rumpelkammer hole.
200 DEMOS UND DAVID GUETTA
SOPHIE ist dabei längst nicht die einzige internationale Verbindung.
Auf _genic findet sich auch Namie Amuros Version von David Guettas „What I Did for Love“. Die Zusammenarbeit hatte sogar eine kleine Vorgeschichte: Warner Music Japan zufolge hatte Amuros Team bereits 2013 versucht, Guetta für ein anderes internationales Projekt zu gewinnen. Das kam nicht zustande; später entstand die Idee einer gemeinsamen Neuproduktion, doch auch dafür fanden beide Seiten keinen passenden Termin. Schließlich schlug Guettas Team vor, Amuro seine bereits veröffentlichte Nummer „What I Did for Love“ neu einsingen zu lassen.
Das passt zu einem Album, das auffällig international denkt. Schon die zeitgenössische Wahrnehmung außerhalb Japans konzentrierte sich auf genau diese Öffnung: Pitchfork hob 2015 die Beteiligung von SOPHIE und Guetta und den starken englischsprachigen Anteil hervor und bezeichnete das Ergebnis als einige der direktesten und eingängigsten Songs ihrer Karriere.
Manches an _genic klingt für mich wie eine Blaupause für den international ausgerichteten K-Pop, der in den folgenden zehn Jahren selbstverständlich werden sollte: hochglanzpolierte Popmusik, die sich ohne große Berührungsängste bei amerikanischem R&B, europäischem Dance, elektronischem Underground und schwedischem Songwriting bedient und daraus etwas baut, das sich keinem dieser Orte vollständig zuordnen lässt.
Das ist keine Behauptung, dass _genic diese Entwicklung ausgelöst hätte. Dafür ist Popgeschichte viel zu chaotisch. Aber hört man das Album 2026 mit dem Wissen darüber, was danach kam, sind die Parallelen verblüffend.
Einige dieser Songs könnte man heute einer neuen Idol-Gruppe geben, und sie würden nicht wie Museumsstücke wirken.
GOTT SEI DANK BESITZE ICH DIE CD
Vielleicht ist das am Ende der schönste Widerspruch an _genic: Ein Album, das so sehr nach digitaler Zukunft klingt, ist für mich heute ausgerechnet an einen physischen Gegenstand gebunden.
Namie Amuro war von 1992 bis 2018 im Musikgeschäft. Sie durchlief dabei nicht nur verschiedene Phasen des J-Pop, sondern überlebte sie. Vom Durchbruch der 90er über R&B und Hip-Hop bis zu elektronischem Pop veränderte sie ihren Sound immer wieder; ab STYLE übernahm sie zunehmend selbst die kreative Führung ihrer Karriere.
Und dann hörte sie auf. Nicht mit einem langsamen Verschwinden, sondern mit einer bewusst gesetzten Ziellinie. Am 16. September 2018 war Schluss.
Dass ausgerechnet ihr letztes Studioalbum rückblickend so neugierig, verspielt und zukunftsorientiert klingt, gefällt mir daran besonders. _genic ist für mich nicht ihr bestes Album. Dafür ist es stellenweise zu glatt und doch etwas generic.
Vielleicht landet _genic nach diesem Wiederhören wieder für ein Jahr im Regal. Das wäre okay. Die Rumpelkammer ist schließlich kein Ort, an dem alles ständig herumliegen muss. Sie ist der Ort für Dinge, die man irgendwann wieder hervorzieht und innerhalb weniger Sekunden versteht, warum man sie überhaupt aufgehoben hat.
Aged like fine wine?
Vielleicht nicht jede einzelne Sekunde. Aber verdammt viel davon.
Und deshalb: Gott sei Dank besitze ich die CD.