Es gab mal eine ziemlich simple Bauanleitung für Boygroups: Man nehme fünf attraktive junge Männer, verpasse jedem eine leicht verdauliche Persönlichkeit und suche ein paar Songs mit möglichst riesigen Refrains. Dann entscheide man, wer der Süße ist, wer der Lustige, wer der Mysteriöse und wer der, bei dem Eltern ein leicht ungutes Gefühl bekommen sollen.
Bei Take That hat das Anfang der Neunziger prächtig funktioniert. Manager Nigel Martin-Smith stellte die Gruppe ganz offen als britische Antwort auf New Kids on the Block zusammen. Gary Barlow schrieb die Songs, Mark Owen war der Junge von nebenan, Robbie Williams der Entertainer. Die Rollen waren Teil des Produkts.
Mehr als 35 Jahre später gibt es Take That immer noch. Gary Barlow, Mark Owen und Howard Donald sind inzwischen Mitte fünfzig und veröffentlichen im November ihr zehntes Studioalbum Dreamers. Für 2027 ist die nächste große Europatour angekündigt. Aus der Boygroup ist eine Männergruppe geworden, was zugegeben weniger sexy klingt, wirtschaftlich aber offenbar kein großes Problem darstellt.
Dazwischen kamen Backstreet Boys, *NSYNC, Westlife, Blue, Jonas Brothers und natürlich One Direction. Es gab Trennungen, Reunions, Casting-Shows und mindestens zwei Jahrzehnte, in denen regelmäßig jemand den Tod der Boyband ausgerufen hat.
Gestorben ist sie allerdings nie. Sie ist bloß ausgewandert.
Ich sollte vielleicht vorab sagen, wo ich stehe: Ich mag Boygroups. Sehr sogar. Ich mag kitschige Choreografien, absurd teure Musikvideos, Lieblingsmitglieder und dieses seltsam befriedigende Gefühl, einer Gruppe beim Zusammenwachsen zuzusehen. Ich habe also keinerlei Interesse daran, mich intellektuell über ein Popformat zu beschweren, das sehr offensichtlich darauf ausgelegt ist, Menschen emotional an ein paar Fremde zu binden.
Aber genau deshalb interessiert mich auch, was dieses Format mit den Menschen macht, die darin arbeiten. Und mit denen, die davor sitzen.
FÜNF JUNGS UND EINE GUTE GESCHICHTE
One Direction waren 2010 bereits eine Modernisierung des alten Modells. Harry Styles, Niall Horan, Liam Payne, Louis Tomlinson und Zayn Malik kamen einzeln als Solokandidaten zu The X Factor und wurden dort zur Gruppe zusammengewürfelt. Gewonnen haben sie die Sendung nicht. Danach wurden sie trotzdem zu einer der größten Boybands ihrer Generation.
Das klingt rückblickend fast banal, war aber perfektes Timing. Take That hatten Teenie-Magazine, Fernsehauftritte und Poster über dem Bett. One Direction bekamen Twitter, Tumblr, YouTube und Instagram.
Plötzlich konnte man nicht mehr nur ein Poster von Harry Styles besitzen. Man konnte Harry Styles folgen. Man konnte beobachten, wer neben wem saß, wer wem einen Arm um die Schulter legte, wer in Interviews besonders viel miteinander lachte und wer heute irgendwie stiller wirkte als gestern. Jede noch so belanglose Interaktion konnte ausgeschnitten, hochgeladen, verlangsamt und analysiert werden.
Aus der alten Boyband-Frage „Welcher ist dein Liebling?“ wurde etwas viel Intimeres: „Welchen von diesen Menschen glaube ich zu kennen?“ Und damit sind wir eigentlich schon ziemlich nah an der Boygroup der Gegenwart.
Der große Irrtum über Boygroups ist nämlich, dass es einfach um mehrere Männer geht, die gemeinsam Popsongs singen. Natürlich müssen die Songs funktionieren. Aber mindestens genauso wichtig ist das Gefühl, einer Gruppe beizuwohnen. Man sucht sich ein Lieblingsmitglied, versteht irgendwann die Insiderwitze, kennt Freundschaften und Dynamiken und entwickelt nach drei Stunden YouTube-Content erstaunlich konkrete Meinungen über Menschen, die nicht wissen, dass man existiert.
Die Musik (oder das Aussehen) bringt einen rein. Die Menschen sollen dafür sorgen, dass man bleibt.
WÄHREND DER WESTEN SUCHTE, BAUTE K-POP EIN SYSTEM
Während westliche Boybands nach One Direction zunehmend wie ein Format wirkten, das seine große Zeit vielleicht hinter sich hatte, passierte in Südkorea ziemlich genau das Gegenteil. Dort wurde die Boygroup nicht abgeschafft, sondern bis ins Detail professionalisiert.
Wenn man sehen will, was dabei entstehen kann, landet man irgendwann bei SHINee.
Die Gruppe wurde 2008 von SM Entertainment gegründet, einer Firma, die das moderne K-Pop-System entscheidend mitgeprägt hat. Onew, Jonghyun, Key, Minho und Taemin waren keine fünf Freunde, die beschlossen hatten, gemeinsam Musik zu machen. Sie waren Trainees, also junge Künstler, die von einer Entertainmentfirma über längere Zeit in Gesang, Tanz und Performance ausgebildet und schließlich zu einer Gruppe zusammengesetzt wurden. Taemin war bei ihrem Debüt gerade einmal 14 Jahre alt.
Schon das zeigt den Unterschied zur romantischen Vorstellung einer Bandgründung: Erst kommt das System, dann kommt die Gruppe. Interessant wird SHINee aber gerade dort, wo dieses System an seine Grenzen stößt.
Im Dezember 2017 starb Jonghyun mit 27 Jahren durch Suizid. Danach stand die Gruppe vor einer Frage, für die es in keiner Popstar-Bauanleitung eine gute Antwort gibt: Wie macht man weiter, wenn ein Mensch fehlt, dessen Persönlichkeit jahrelang Teil der gemeinsamen Identität war?
SHINee entschieden sich gegen einen Ersatz und auch gegen das so zu tun, als könne man einfach zum Normalbetrieb zurückkehren. In „Our Page“ von 2018 stehen fünf Mikrofonständer auf der Bühne, einer bleibt leer. Jonghyun verschwand nicht rückwirkend aus der Geschichte der Gruppe.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum SHINee heute noch funktionieren. Die vier verbliebenen Mitglieder haben längst eigene Karrieren als Solokünstler, Schauspieler und Entertainer, aber die Gruppe existiert trotzdem weiter. 2026 spielten sie mit THE INVERT wieder Dome-Konzerte in Japan.
Das klassische westliche Boyband-Narrativ kennt drei Akte: Aufstieg, hysterischer Höhepunkt, Trennung. SHINee erzählen eine kompliziertere Geschichte. Die Boygroup darf inzwischen altern, und manchmal darf sie auch trauern.
IN JAPAN MUSS MAN SICH SEINEN PLATZ ERST VERDIENEN
Noch interessanter wird es ein paar Flugstunden weiter.
EXILE TRIBE ist streng genommen keine Boygroup. Eigentlich lässt sich EXILE TRIBE überhaupt kaum noch sinnvoll mit dem Wort „Gruppe“ beschreiben. Unter diesem Namen versammelt das japanische Unternehmen LDH ein ganzes Netzwerk männlicher Dance-and-Vocal-Gruppen verschiedener Generationen.
Wer an dieser Stelle gedanklich ausgestiegen ist: verständlich. Man braucht irgendwann wirklich ein Organigramm.
Interessanter als die schiere Menge an Männern finde ich aber, wie man bei LDH überhaupt zu einem von ihnen wird. Zur Tradition des Unternehmens gehört die sogenannte Musha Shugyō, wörtlich ungefähr eine „Kriegerreise“. Nachwuchsgruppen zogen durch Japan, spielten kostenlose Konzerte in Einkaufszentren und auf kleinen Bühnen und sollten sich dabei als Performer beweisen, Fans gewinnen und als Gruppe zusammenwachsen.
THE RAMPAGE, heute eine der bekanntesten Gruppen dieses Kosmos, spielten auf einer solchen Tour 34 kostenlose Shows in 17 Städten. Dazu kamen Trainingscamps, die in den späteren Erzählungen der Mitglieder weniger nach Popstar und mehr nach Bootcamp klingen: wenig Schlaf, mehrere Trainingseinheiten am Tag, Läufe am frühen Morgen, Tanzunterricht bis spät in die Nacht.
Natürlich ist das eine fantastische Ursprungsgeschichte. Wer gemeinsam in einem Einkaufszentrum vor ein paar neugierigen Menschen auftritt, während über der eigenen Zukunft ein Fragezeichen hängt, hat später einiges zu erzählen, wenn er vor Zehntausenden spielt. Und genau deshalb muss man aufpassen.
Härte wird in der Popindustrie gerne rückwirkend romantisiert, sobald am Ende Erfolg herauskommt. Dann wird aus Schlafmangel plötzlich Disziplin, aus Konkurrenz Charakterbildung und aus permanentem Leistungsdruck eine schöne Geschichte darüber, wie sehr jemand seinen Traum wollte.
Ich glaube nicht, dass man jedes harte Training automatisch als Ausbeutung bezeichnen muss. Aber genauso wenig sollte ein traditionsreicher japanischer Name reichen, damit wir vergessen, dass hier sehr junge Menschen lernen: Deinen Platz bekommst du nicht einfach. Du musst ihn dir verdienen.
Und trotzdem fasziniert mich EXILE TRIBE, denn LDH behandelt die Boygroup nicht als abgeschlossenes Produkt, sondern eher wie eine Familie, in die immer neue Generationen hineinwachsen. Bei BATTLE OF TOKYO können gleich Dutzende Mitglieder verschiedener Gruppen im selben Projekt auftauchen. Die Bindung soll nicht mit einer einzelnen Gruppe enden. Wer wegen einer Gruppe kommt, entdeckt die nächste und landet irgendwann nicht mehr bei einer Band, sondern in einem ganzen Universum.
Und genau diese Idee ist inzwischen international interessant geworden: Nicht mehr nur die Boygroup wird exportiert. Exportiert wird die Maschine dahinter.
KANN MAN K-POP BAUEN, OHNE K-POP ZU MACHEN?
Das vielleicht deutlichste Beispiel dafür kommt ausgerechnet wieder aus Großbritannien.
dearALICE entstanden für die BBC-Serie Made in Korea: The K-Pop Experience. Fünf junge Briten wurden dafür nach Südkorea geschickt und trainierten dort 100 Tage lang bei SM Entertainment. Gesangsunterricht, Tanztraining, Performance-Coaching, Bewertungen. Im Grunde all das, was koreanische Trainees über Jahre kennenlernen können, nur verdichtet auf eine Fernsehstaffel.
Das Interessante daran war nie die Frage, ob fünf Briten plötzlich „K-Pop“ machen können. Interessanter ist, dass man überhaupt auf die Idee gekommen ist, das koreanische Ausbildungssystem wie eine Software auf eine westliche Boyband zu installieren.
Dabei schließt sich ein hübscher Kreis: Hinter dem britischen Produktionspartner Moon&Back stehen Menschen, die bereits an der Karriere von One Direction beteiligt waren. Die alte britische Boyband-Maschine trifft die koreanische Idol-Maschine.
dearALICE existieren weiterhin, inzwischen allerdings nur noch zu viert. Das ursprüngliche Mitglied James Sharp verließ die Gruppe 2026. Man kann also hundert Tage K-Pop-Training importieren. Dass irgendwann jemand aus einer Boyband aussteigt, gibt es gratis dazu.
HYBE, der Konzern hinter BTS, geht noch einen Schritt weiter. Mit Santos Bravos hat HYBE Latin America eine fünfköpfige Gruppe mit Mitgliedern aus Mexiko, Brasilien, Peru, Puerto Rico und den USA aufgebaut. Sie durchliefen ein K-Pop-inspiriertes Trainingssystem, debütierten aber als Latin-Pop-Gruppe in Mexiko. Im April 2026 reisten sie nach Südkorea und traten dort in den klassischen koreanischen Musikshows auf. Versuch mal, das 1996 einem Take-That-Fan zu erklären.
HYBE nennt die Strategie „multi-home, multi-genre“. Für mich ist das der Punkt, an dem das K in K-Pop interessant wird. Wenn die Mitglieder nicht koreanisch sind, die Gruppe nicht in Korea sitzt und nicht primär auf Koreanisch singt, was genau wird dann noch exportiert? Vermutlich die Produktionsmethode.
K-Pop ist in diesem Sinne weniger ein Genre als ein Betriebssystem für Popgruppen: Training, Choreografie, visuelles Konzept, permanenter Content, Fandom-Plattformen, Sammelobjekte und langfristige Planung greifen ineinander.
UND DANN MACHT NETFLIX „LOVE IS BLIND“ MIT SÄNGERN
Midnight Til Morning sind fast das Gegenexperiment.
Sie entstanden 2025 in der Netflix-Serie Building the Band, deren Konzept herrlich absurd war: Sängerinnen und Sänger sollten Gruppen bilden, bevor sie sich gesehen hatten. Erst die Stimme, dann die Optik. Im Grunde Love Is Blind, nur dass am Ende gemeinsam gesungen und nicht geschmust werden muss.
Midnight Til Morning gewannen die Show nicht, machten danach aber einfach weiter. Shane Appell, Zach Newbould, Conor Smith und Mason Watts veröffentlichten eigene Musik, bauten mit den „Midnighters“ eine Fanbase auf und waren 2026 bereits wieder auf Tour.
Warum ist das interessant? Weil hier etwas sehr Altes wieder auftaucht: eine gute Geschichte.
Eine Boygroup braucht einen Grund, warum ausgerechnet diese Menschen zusammengehören. Bei Take That war es der Manager. Bei One Direction war es The X Factor. Bei SHINee war es das Trainee-System. Bei dearALICE waren es hundert Tage in Korea. Bei Midnight Til Morning ist es die absurde Vorstellung, eine Band zunächst nur nach Stimmen zusammenzustellen.
Diese Geschichte ist kein nettes Zusatzmaterial für Interviews. Sie ist Teil des Produkts. Denn wenn Fans nicht nur Songs hören, sondern einer Gruppe beim Existieren zusehen sollen, müssen sie auch glauben wollen, dass genau diese Menschen zusammengehören. Und hier wird die Sache kompliziert…
DIE NÄHE IST EIN VERTRAG, DEN NUR EINE SEITE UNTERSCHRIEBEN HAT
Wenn das eigentliche Produkt Zugehörigkeit ist, verkauft jede Boygroup ein unausgesprochenes Versprechen: Diese Menschen gehören ein kleines bisschen dir.
Früher gab es Poster, Autogrammkarten und Interviews in Jugendzeitschriften. Heute gibt es Livestreams, Behind-the-Scenes-Videos, Fotokarten, Fan-Apps und Nachrichten, die so aussehen sollen, als hätte ein Idol gerade persönlich an dich gedacht.
Natürlich wissen die meisten Fans, dass sie mit diesen Menschen nicht wirklich befreundet sind. Parasoziale Beziehungen funktionieren nicht deshalb, weil Millionen Menschen Realität und Fantasie nicht auseinanderhalten können. Sie funktionieren, weil unser Gehirn Nähe auch dann empfinden kann, wenn sie nur in eine Richtung existiert.
Genau diese Nähe macht Boygroups schließlich so unterhaltsam. Man will wissen, wer mit wem gut klarkommt. Man will Lieblingsmitglieder haben. Man will Interviews sehen und mich darüber freuen, wenn jemand, den man mag, plötzlich eine größere Rolle bekommt. Das Problem beginnt dort, wo aus Nähe Anspruch wird.
Dann wird eine Beziehung des Lieblingsmitglieds plötzlich als Verrat empfunden. Fans bekriegen sich darüber, wer einen Menschen, den keiner von ihnen privat kennt, am besten „versteht“. Ein Mitglied verändert seinen Stil, wird älter oder möchte weniger von sich zeigen und muss sich dafür rechtfertigen, weil Fans nicht nur seine Musik gekauft haben, sondern eine bestimmte Version seiner Persönlichkeit.
Der extremste Auswuchs davon sind die sogenannten Sasaengs in Südkorea. Damit sind Fans gemeint, die Idole stalken: vor Wohnungen warten, ihnen in Autos folgen, dieselben Flüge buchen, Privatnummern beschaffen oder versuchen, in Hotels und Wohnungen zu gelangen.
Trotzdem wäre es zu einfach, Sasaengs als ein paar Verrückte abzutun, die mit dem Rest des Systems nichts zu tun haben. Sie treiben eine Logik ins Extreme, die vorher bewusst aufgebaut wurde: Du darfst dich diesem Menschen nah fühlen.
Die Industrie verdient an dieser Nähe. Wenn sie kippt, trägt aber meistens der Mensch auf der Bühne das Risiko.
UND WER SCHÜTZT EIGENTLICH DIE MENSCHEN DARIN?
An dieser Stelle könnte man sich einreden, dass die heutigen Systeme professioneller geworden sind und deshalb automatisch besser mit ihren Künstlern umgehen.
Leider ist die Geschichte der Boyband voll von Gründen, dabei skeptisch zu bleiben.
Die 2026 veröffentlichte Dokumentation Boy Band Confidential, bei der *NSYNC-Mitglied Joey Fatone als Executive Producer beteiligt ist, lässt ehemalige Mitglieder großer Gruppen über finanziellen Druck, Abhängigkeiten, psychische Belastungen und Machtmissbrauch sprechen. Zu Wort kommen unter anderem Lance Bass von *NSYNC, AJ McLean von den Backstreet Boys, Nick Lachey von 98 Degrees und Ashley Parker Angel von O-Town.
Ein Name zieht sich zwangsläufig durch diese Geschichte: Lou Pearlman.
Pearlman baute unter anderem die Backstreet Boys und *NSYNC auf und wurde damit zu einer der wichtigsten Figuren des Boyband-Booms der Neunziger. Gleichzeitig gerieten mehrere seiner Gruppen mit ihm in heftige finanzielle Konflikte. Später wurde er wegen eines jahrzehntelangen Schneeballsystems verurteilt und starb 2016 im Gefängnis.
Das Unangenehme daran ist, dass sich Ausbeutung und Dankbarkeit nicht gegenseitig ausschließen müssen. Einige der Künstler verdanken Pearlman tatsächlich Karrieren, die ohne ihn vielleicht nie existiert hätten. Genau das macht Machtverhältnisse in der Musikindustrie so kompliziert: Jemand kann dir die größte Chance deines Lebens geben und trotzdem Bedingungen schaffen, die dir schaden.
Das Problem verschwand nicht mit den Neunzigern. Auch die moderne Idolindustrie basiert auf jungen Menschen, deren Karriere davon abhängt, dass andere über Training, Songs, öffentliche Auftritte, Körper, Image und teilweise sogar ihr Privatleben entscheiden. Dazu kommt eine Öffentlichkeit, die heute rund um die Uhr zuschaut.
Und wir sollten vorsichtig damit sein, jede persönliche Krise eines ehemaligen Boyband-Mitglieds automatisch dem System anzulasten. Menschen sind komplizierter als eine Popindustrie-These.
Gerade der Tod von Liam Payne zeigt, wie schnell diese Grenze verwischt. Payne starb 2024 mit 31 Jahren nach einem Sturz von einem Hotelbalkon in Buenos Aires. Er hatte zuvor selbst öffentlich über Suchtprobleme und schwierige Phasen während und nach One Direction gesprochen. Daraus eine saubere Kausalkette „Boyband macht Menschen kaputt“ zu bauen, wäre trotzdem unseriös.
Die interessantere Frage ist eine andere: Welche Bedingungen schaffen wir für sehr junge Menschen, die plötzlich gleichzeitig Angestellte, öffentliche Figuren, Projektionsflächen und Produkte sind?
Dazu gibt es zumindest Hinweise aus der Musikbranche insgesamt. Eine britische Untersuchung mit 2.211 selbstselektierten Musikern und Beschäftigten der Branche ergab 2016, dass 71,1 Prozent angaben, bereits unter Angstzuständen oder Panikattacken gelitten zu haben. 68,5 Prozent berichteten von Depressionen. Das sind Selbstauskünfte, keine Diagnosen, und die Stichprobe lässt sich nicht einfach auf jede Boygroup übertragen. Trotzdem verwiesen die Befragten immer wieder auf unsichere Einkommen, Erschöpfung, unregelmäßige Arbeitszeiten und fehlende Planungssicherheit als Belastungen.
Bei Boygroups kommt für mich noch etwas dazu: Die Persönlichkeit selbst gehört zum Job.
Wer mit 17 als „der Süße“, „der Ruhige“ oder „der Rebell“ vermarktet wird, muss irgendwann herausfinden, wo die Figur endet und der eigene Mensch anfängt. Gleichzeitig beobachten Millionen Menschen diesen Prozess und möchten im Zweifelsfall lieber die Version zurück, in die sie sich ursprünglich verliebt haben.
Vielleicht ist das die eigentliche Kehrseite der perfekten Boygroup: Wir wollen authentische Menschen, aber möglichst solche, die sich zuverlässig an das Drehbuch halten.
WAS IST ALSO GLEICH GEBLIEBEN?
Erstaunlich viel.
Es gibt immer noch Lieblingsmitglieder. Es gibt Rollen, Choreografien, Merchandise und den Moment, in dem bei der letzten Wiederholung des Refrains plötzlich alle mitsingen. Es gibt Fans, die wegen eines Mitglieds kommen und wegen der Gruppe bleiben. Und es gibt den Moment, in dem jemand aussteigt und ein Teil des Internets reagiert, als wäre etwas sehr Persönliches kaputtgegangen.
Was sich verändert hat, ist die Infrastruktur drumherum. Die Boyband der Neunziger lief über Fernsehen, Radio, Jugendzeitschriften und Plattenläden. One Direction erwischten genau den Moment, in dem soziale Medien die Distanz zwischen Star und Fan zusammenschrumpfen ließen. K-Pop machte daraus ein durchorganisiertes System, in dem Musik, Performance, Persönlichkeit, Fan-Kommunikation und Merchandise kaum noch voneinander zu trennen sind.
Und 2026 verliert dieses System langsam sogar seine geografische Herkunft. dearALICE sind britisch. Santos Bravos machen Latin Pop. Japan hat mit EXILE TRIBE längst sein eigenes Modell einer riesigen Popfamilie entwickelt. Netflix baut Bands vor laufender Kamera zusammen. SHINee zeigen gleichzeitig, dass eine Boygroup nicht aufhören muss zu existieren, sobald ihre Fans keine Teenager mehr sind.
Take That liefern dafür ohnehin den vielleicht schönsten Beweis: Ihr zehntes Album Dreamers erscheint am 20. November, im Sommer 2027 gehen sie wieder auf Europatour.
Vielleicht war die Frage also nie, ob Boygroups sterben. Vielleicht ging es immer nur darum, welche Form sie als Nächstes annehmen.
VIELLEICHT IST „BOYGROUP“ INZWISCHEN DAS FALSCHE WORT
Je länger ich mir diese Gruppen anschaue, desto weniger taugt mir die klassische Definition. Ist eine Boygroup einfach eine Gruppe junger Männer, die gemeinsam Popmusik singt? Dann wird es bei einem Gebilde wie EXILE TRIBE schon schwierig.
Muss sie gecastet sein? Dann fallen genug Gruppen heraus, die wir trotzdem selbstverständlich Boybands nennen. Muss sie K-Pop machen? Santos Bravos zeigen gerade, dass man das System offenbar vom Genre und sogar vom Herkunftsland trennen kann. Und müssen die Mitglieder überhaupt Boys sein? Gary Barlow ist 55.
Vielleicht ist die Boygroup 2026 weniger eine musikalische Kategorie als eine Art, Pop zu organisieren: mehrere klar erkennbare Persönlichkeiten, eine gemeinsame Identität, Musik, die von der Chemie dieser Menschen lebt, und vor allem das Gefühl, nicht bloß Songs zu hören, sondern einer Gruppe beim Existieren zuzusehen.
Das erklärt auch, warum mich Boygroups weiterhin faszinieren.
Nicht obwohl sie konstruiert sind, sondern teilweise gerade deshalb. Ich weiß, dass Rollen verteilt werden. Ich weiß, dass Kameras laufen, weil Kameras laufen sollen. Ich weiß, dass mir Nähe verkauft wird. Und trotzdem kann ich mich darüber freuen, wenn fünf Leute auf einer Bühne plötzlich so wirken, als gäbe es für diesen einen Song keine logischere Kombination von Menschen auf der Welt.
Pop darf künstlich sein und trotzdem echte Gefühle auslösen. Nur sollten wir vielleicht aufhören, aus diesen echten Gefühlen Besitzansprüche abzuleiten. Denn wenn die Boygroup inzwischen eine Art Technologie ist, entscheidet sich ihr Fortschritt nicht daran, ob das nächste System noch perfekter trainiert, noch spektakulärer choreografiert und noch effizienter vermarktet.
Interessanter ist, ob es gelernt hat, die Menschen darin auch als Menschen zu behandeln. Und ob wir Fans dasselbe schaffen.
Jeder darf weiter Boygroups hören. Nur vielleicht mit etwas offeneren Augen.