NEUZUGANG Nº001: Fat Dog – Cancel Me (I’m Tired)

Fat Dog haben herausgefunden, dass weniger durchzudrehen nicht dasselbe ist wie langweilig zu werden. Auf ihrem zweiten Album wird ihr kontrolliertes Chaos größer, melodischer und manchmal sogar erstaunlich schön.

Fat Dog
Fat Dog — Foto: Emma Toma

Fat Dog, „Bad Dog“, ein ehemaliges Bandmitglied namens „Doghead“ und ein Hund mit Engelsflügeln, was wie der Albtraum einer Hundeschule klingt, gehört zum Kosmos der South-London-Band Fat Dog. Ein Kosmos, in dem Dance-Punk auf Rave trifft, Synthesizer eskalieren und sich zwischendurch plötzlich Streicher einschleichen. Auf ihrem zweiten Album Cancel Me (I’m Tired) klingt das alles noch immer herrlich albern. Nur steckt inzwischen noch ein bisschen mehr dahinter.

Dabei existiert die Band noch gar nicht besonders lange. Fat Dog entstand während der Pandemie, als Frontmann Joe Love während des Lockdowns begann, elektronische Musik zu produzieren. Schon bevor die Band überhaupt eine Single veröffentlicht hatte, erspielte sie sich mit ihren Konzerten einen Ruf als eine der wildesten neuen Livebands Großbritanniens. Als im August 2023 schließlich „King of the Slugs“ erschien, fiel auch der Einstieg ins Tonträgergeschäft entsprechend unvernünftig aus: Die erste Single war direkt mehr als sieben Minuten lang. Wenige Monate später bezeichnete NME Fat Dog als „2023’s wildest live band“.

Auch personell gehört Stillstand nicht unbedingt zum Konzept. Ihre Mitglieder wechseln Fat Dog ungefähr so häufig wie andere Menschen ihre Bettwäsche. Joe Love ist weiterhin Frontmann und zentraler Songwriter, Chris Hughes und Morgan Wallace gehören seit 2022 zu den Konstanten; um sie herum hat sich die Besetzung mehrfach verändert. Inzwischen ist Fat Dog zum siebenköpfigen Rudel angewachsen. Love selbst kommentierte seine Personalpolitik gegenüber NME zuletzt gewohnt zurückhaltend: „I’m like Stalin.“

Kontrollierter Kontrollverlust

Mit WOOF. erschien 2024 das Debütalbum und machte ziemlich deutlich, was Fat Dog besonders gut können: Menschen in Bewegung versetzen. Dance-Punk, Synth Punk, Industrial, Rave, Klezmer, gelegentlich etwas, das nach Polka klingt. Genres aufzuzählen hilft bei dieser Band also absolut wenig.

Love beschreibt das Ziel des ersten Albums rückblickend sogar noch einfacher: Er wollte die Leute zum Bewegen bringen. Ein möglichst großer Moshpit war gewissermaßen Teil der musikalischen Aufgabenstellung. Bei Cancel Me (I’m Tired) reicht ihm das nicht mehr. Diesmal wollte er Musik schreiben, die nicht nur körperlich funktioniert, sondern auch etwas anderes auslösen kann.

Opener „Smile and Wave“ verhält sich ungefähr so, als hätte seit WOOF. niemand irgendetwas gelernt. Der Song stolpert mit hektischen Synthesizern und treibendem Beat ins Album und eröffnet eine Platte, die auch weiterhin keinerlei Berührungsängste mit maximal eingängigen Dance-Punk-Krachern hat. „Shit Love“ und „Bad Dog“ gehören ebenfalls zu jener Sorte Fat-Dog-Song, die kaum begonnen hat, bevor der Körper schon entschieden hat, dass man jetzt ordentlich abzappeln muss.

Besonders „Bad Dog“ klingt dabei zunächst nach typischem Fat-Dog-Unfug, ist unter der Oberfläche aber wesentlich düsterer. „I’m a bad dog / Put me down if you please“, singt Love. Hinter der absurden Hundemetaphorik steckt plötzlich ziemlich morbide Selbstabwertung. Das ist eine der Veränderungen, die sich durch Cancel Me (I’m Tired) ziehen: Fat Dog haben ihren Humor nicht verloren. Aber manchmal endet der Witz diesmal an einem ziemlich unangenehmen Ort.

Fat Dog entdecken den Popsong

Fast noch überraschender ist, wie eingängig dieses Album geworden ist.

„Go Fuck Urself“ hat zwar einen Titel, den man eher auf ein schlecht bedrucktes T-Shirt als in einer Pop-Playlist vermuten würde, entwickelt sich aber zu einem der unmittelbarsten Songs der Platte. Der Titeltrack macht es ähnlich: Groove, Synthesizer, eine Melodie, die sich sofort festsetzt. Fat Dog müssen längst nicht mehr sieben Minuten lang sämtliche verfügbaren Geräusche übereinanderstapeln, um interessant zu bleiben.

Auch „Call It What You Want“ wirkt geradliniger als vieles auf dem Debüt. Die elektronischen Elemente stehen nicht mehr ausschließlich im Dienst der nächsten Explosion, sondern tragen einen Song, der tatsächlich Raum für seine Melodie lässt. Inhaltlich geht es dabei um unausgesprochene familiäre Probleme, die sich von Generation zu Generation weitertragen. Love wollte im Interview nicht genauer benennen, worauf er sich bezieht. Gerade diese persönliche Ebene ist für ihn jedoch neu: Fat Dog sei zuvor oft eine fiktionalisierte Version seiner selbst gewesen; diesmal habe er Dinge schreiben wollen, die er tatsächlich empfindet. Das klingt auf dem Papier beinahe bedrohlich erwachsen.

Keine Sorge: Auf derselben Platte tauchen unter anderem Außerirdische, S&M, H&M oder M&Ms auf.

Ein Cowboy betritt den Raum

Die größte Überraschung wartet trotzdem in der zweiten Hälfte. „Snakes“ nimmt plötzlich den Fuß vom Gaspedal. Akustische Instrumente, eine leicht unheimliche Western-Atmosphäre, Streicher. Ausgerechnet Fat Dog entdecken, dass ein Song auch funktionieren kann, wenn er nicht klingt, als würde irgendwo gerade eine Waschmaschine eine Treppe hinunterfallen.

Diese ruhigeren Passagen wirken nicht wie Fremdkörper, weil Fat Dog ihre eigentliche Identität dafür nicht ablegen. Sie wenden dieselbe Vorliebe für große Gesten, merkwürdige Stimmungen und dramatische Wendungen lediglich auf anderes Material an. Statt immer neue Schichten Lärm hinzuzufügen, lassen sie plötzlich Platz.

Das ist vielleicht die wichtigste Entwicklung auf Cancel Me (I’m Tired): Fat Dog haben gelernt, dass Dynamik nicht ausschließlich bedeutet, von laut zu noch lauter zu wechseln.

Den endgültigen Beweis liefert „Aliens“. Der Abschlusstrack wächst zu einem der emotionalsten Stücke, die die Band bisher aufgenommen hat. Wieder spielen Streicher eine zentrale Rolle, wieder wird es groß, nur diesmal auf eine völlig andere Art als bei einem Rave-Brett wie „Shit Love“. Wo das frühe Fat Dog vor allem den nächsten Moshpit im Blick hatte, darf diese Band inzwischen auch einfach schön klingen.

Weniger Chaos, oder nur besseres Chaos?

Dass diese Erweiterung nicht zufällig passiert, zeigt auch die Entstehung des Albums. Für Cancel Me (I’m Tired) arbeitete Love unter anderem mit Produzent Oli Bayston. Während der Sessions in Walthamstow schlief Love nach eigener Aussage teilweise nur drei Stunden pro Nacht und halluzinierte. Ein Arbeitsprozess, der zumindest nicht den Verdacht aufkommen lässt, Fat Dog hätten plötzlich Wellness für sich entdeckt.

Interessanter ist aber, was aus dieser Arbeit entstanden ist. Zehn Songs umfasst das Album: von „Smile and Wave“ über „Go Fuck Urself“, „Shit Love“ und „Snakes“ bis zu „Aliens“. Die Platte bewegt sich zwischen den erwartbaren Rave-Eskalationen, direkteren Elektropop-Momenten, Western-Ausflügen und Psychedelia.

Das könnte leicht nach dem klassischen zweiten Album klingen, bei dem eine Band unbedingt beweisen möchte, dass sie jetzt „vielseitiger“ ist. Hier wirkt die Entwicklung organischer. Die neuen Elemente ersetzen den alten Fat-Dog-Sound nicht. Sie machen lediglich deutlicher, dass dieser Sound nie so eindimensional war, wie seine Lautstärke vermuten ließ.

Vielleicht braucht die Band diese Erweiterung sogar. Zwei Alben lang ausschließlich auf maximale Eskalation zu setzen, wäre nicht nur für Fat Dog anstrengend. Irgendwann wäre auch das Publikum müde. Der Albumtitel passt also erstaunlich gut.

Bitte zeigen Sie mir den fetten Hund

Cancel Me (I’m Tired) wird trotzdem nicht plötzlich Menschen überzeugen, die bei Fat Dog bisher genervt den Raum verlassen haben.

Dafür ist diese Musik weiterhin zu überdreht, zu theatralisch und gelegentlich einfach zu bescheuert. Fat Dog sind eine dieser Bands, bei denen Ablehnung vollkommen nachvollziehbar ist. Wenn ihre Mischung aber einmal funktioniert, dann funktioniert sie richtig. Und Cancel Me (I’m Tired) gehört für mich deshalb zu den unterhaltsamsten Alben des Jahres.

Nicht weil Fat Dog auf ihrem zweiten Album alles anders machen. Im Gegenteil: Es fühlt sich deutlich wie eine Fortsetzung von WOOF. an. Die großen Dance-Punk-Momente sind weiterhin da, die Synthesizer dürfen weiterhin ausrasten und der nächste Moshpit ist nie besonders weit entfernt.

Aber Fat Dog haben ihren Sound verfeinert, ohne ihn zu zähmen. Die Songs sind melodischer, die Platte abwechslungsreicher und die ruhigeren Momente zeigen eine Band, die inzwischen weiß, dass sie nicht permanent durchdrehen muss, um unverkennbar nach sich selbst zu klingen.

Bleibt eigentlich nur noch ein Problem.

Fat Dog haben mittlerweile zwei Alben veröffentlicht und noch immer keinen überzeugend fetten Hund auf einem Cover gezeigt. Auf Cancel Me (I’m Tired) ist zwar ein Hund zu sehen, doch dieser sieht ausgesprochen gesund aus. Dafür hat man ihm Flügel verpasst.

Ich verlange, den fetten Hund zu sehen.